Geschichte des französischen Protestantismus im überblick

 

Vor 1500 ANFÄNGE

Die Reformation war nicht die erste und nicht die einzige Erneuerungsbewegung ; denn ständig stand und steht die Kirche in Versuchung, ihrer Botschaft die Schärfe zu nehmen, in äusserliche Frömmigkeit zurückzufallen oder sich auf ihre Strukturen zu verlassen. Immerhin kämpfte die Reformation nicht nur gegen Missbräuche, korrigierte die Theologie nicht nur an einzelnen Punkten, sondern stellte ernsthaftere, viel grundsätzlichere Fragen als andere Reformbewegungen. Damit hatte sie so tiefgreifende Anderungen in der Kirche selbst und auch in der Geistesgeschichte und auf politischem und sozialem Gebiet zur Folge, dass ihr ein besonderer Platz in der Geschichte zukommt.

Trotzdem dürfen wir sie nicht losgelöst betrachten. lhre Vorläufer sind beispielsweise die Waldenser (beginnend mit dem 12. Jahrhundert), John Wyclif (1320-1384), Jan Hus (geboren 1369 ; 1415 als Matyrer gestorben), ihre Wurzeln das Gedankengut Augustins - und selbstverständlich das Neue Testament.

Das Anliegen der Reformation hat Luther so zusammengefasst : Der Christ lebt allein aus Glauben, allein aus Gnaden, gegründet allein auf die Schrift (Sola gratia, sola fide, sola scriptura).

1500-1525 DIE REFORMATION IN FRANKREICH

Ist die franzôsische Reformation importerit, oder entstand sie in Frankreich selbst ? Man wird sich noch lange streiten, wie weit sich evangelisches Gedankengut in Frankreich entwickelte und wie weit der Einfluss Luthers reichte - jedenfalls war die Zeit reif für Neues.

Die Wiederentdeckung der alten Sprachen und die gesamte Bewegung des Humanismus, deren berühmtester Vertreter Erasmus ist (1467-1536), bedeuten eine wichtige Grundlage für evangelisches Gedankengut und für die neue Art des Umgangs mit der Bibel. Noch hat sich die Reformation nicht zu einer einheitlichen Bewegung formiert, aber im friedfertigen Lefèvre d'Etaples (1450-1537), Bibelübersetzer und Ausleger in franzôsischer Sprache, besitzt sie eine hervorragende Persönlichkeit. Briçonnet, Bischof von Meaux, bei dem sich die Freunde Lefèvres versammeln, und Marguerite d'Angoulême, halten ihre schützende Hand über ihn.

Daneben gab es im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts zahlreiche Prediger wie Jean Vitrier, dessen Bedeutung jetzt wiederentdeckt wurde, und viele Gläubige aus einfachen Verhältnissen. Zwar bildeten sie keine neuen Gemeinden, waren aber doch recht aktiv.

1525-1559 ERSTE GEMEINDEN

Nach 1520 verbreiteten sich Luthers Schriften schnell ; Unzufriedenheit im Lande wurde laut ; in mehreren Grenzstädten des Königreiches bildeten sich mit Hilfe der Zivilbehörden reformierte Gemeinden (Strassburg und Schweizer Greuze) ; Verfechter der neuen Ideen schlossen sich zusammen. 1534 hört man von den ersten aufsehenerregenden Verlautbarungen und auch den ersten Verfolgungen.

Die Buchdruckerkunst, umherziehende Hochschullehrer, Studenten und Kaufleute machten die neuen Ideen bekannt, die durchweg der Institution Kirche feindlich gegenüberstanden.

1533 tritt Johannes Calvin (geboren 1509 in Noyon, gestorben 1564) zur Reformation über. Die neuen Gemeinden, die sich gebildet haben, stehen seit 1541
unter seinem starken EinfluB.

Obwohl Anhänger der Reformation verfolgt, ja nicht selten verbrannt werden, obwohl manche auswandern, wächst seit 1555 überall im Lande die Zahl der neuen
Gemeinden und beträgt schnell über tausend und umfasst damit etwa zwei Millionen Menschen, von denen die Mehrheit im Süden des Königreiches lebt.

1559 DIE ERSTE SYNODE

In Paris versammelten sich 1559 zum ersten Mal Vertreter der einzelnen reformierten Ortsgemeinden zu einer Synode. Was diese Synode damais zustande brachte, hat bis heute Bedeutung : Sie beschliesst ein Glaubensbekenntnis, das auf Calvin zurückgeht und das später unter dem Namen « Glaubensbekenntnis von La Rochelle» bekannt werden wird ; weiter verabschiedet sie eine Ordnung, die das Leben der Gemeinden und ihre Beziehungen zueinander regelt. Diese Ordnung wird im Laufe der Zeit den jeweiligen Gegebenheiten angepasst, besitzt aber in ihren Grundzügen bis heute Gültigkeit, beispielsweise mit ihrer presbyterial-synodalen Struktur, wonach die örtlichen Gemeindekirchenräte (Presbyterien) und die Synoden gemeinsam entscheidungs- und handlungsbefugt sind.

In anderen Ländern traten ganze Kirchen, oft unter dem Druck des Fürsten, zur Reformation über. In Frankreich aber bildeten sich Gemeinden ganz neu - neben den anderen, die weiterhin unter der Autorität Roms standen. Diese neuen Gemeinden übemahmen weder den Gottesdienst noch die Kirchenordnung von den alten, sondem bedeuteten etwas kämpferisch Neues.

1559-1598 VERFOLGUNGEN UND RELIGIONSKRIEGE

1561 scheiterte die Konsultation von Poissy (bei Paris), weil sich die katholischen und protestantischen Theologen nicht einigen konnten. Damit wurde der Protestantismus nicht mehr nur als Glaubensbewegung angesehen, sondern auch als Herausforderung der königlichen Autorität.

Die Protestanten wurden jetzt planmässig verfolgt, vielerorts ermordet. In diesem Zusammenhang sei die Bartholomäusnacht (1572) in Paris und vielen anderen Städten als trauriger Höhepunkt genannt. Die Erinnerung daran ist bis heute unter den Protestanten lebendig. Aber nicht nur die Morde, auch die Tatsache, dass Protestanten ins Ausland flohen oder ihrem Glauben abschworen, verringerte ihre Zahl merklich ab 1572, obwohl auch nach diesem Datum immer noch Übertritte zu verzeichnen sind.

Doch die Protestanten waren in dieser grausamen Zeit nicht nur Opfer. Adlige Protestanten konnten Truppen ausheben ; ganze Städte standen unter protestantischem Einfluss ; die Gegner waren fest entschlossen, sie auszurotten. So kam es zu den Religionskriegen, den härtesten und langsten Bürgerkriegen, die Frankreich jemals erlebt hat (1562-1577).

lm Süden gab es seit 1572 so etwas wie eine protestantische Republik. Sie besass eigene Truppen, eine eigene Gesetzgebung und Regierungsgewalt und befand sich in ständiger Auseisandersetzung mit der Zentralmacht.

DAS ELSASS

lm 16. Jahrhundert besteht das Elsass aus Fürstentümern und Freistädten und befindet sich im deutschen Einflussgebiet. Je nach dem, wie die Fürsten oder Magistrate (Stadtparlamente) entscheiden, findet ein Wechsel zur Reformation statt oder nicht. Mehrere Fürstentümer, vor allem im Norden, und Städte, beispielsweise Strassburg, schliessen sich mit überwältigender Mehrheit der Reformation an. Hier gewinnt die lutherische Tradition zunehmend an Boden.

Als der grösste Teil des Elsass französisch wurde (1648 ; Strassburg 1681), sahen sich die Protestanten Schwierigkeiten und Schikanen ausgesetzt. Aber der Widerruf
des Ediktes von Nantes wirkte sich im ElsaB kaum aus.

Auch Montbéliard (Mömpelgard), das 1793 zu Frankreich kam, besitzt eine weit zurückreichende protestantische Tradition.

1598-1685 NACH DEM EDIKT VON NANTES

Nachdem Heinrich IV., ein zum Katholizismus übergetretener Protestant, König geworden war, gingen die bewaffneten Auseinandersetzungen zu Ende. Das Edikt von Nantes (1598) gewährte den Protestanten religiöse Rechte und militärische Garantien. Aber diese Rechte waren begrenzt : nicht mehr als zwei Gottesdienststätten in einem Amtsbezirk (wobei einige Städte ganz ausgenommen waren), Schulen in begrenzter Zahl. Damit war eine Weiterentwicklung unmöglich gemacht.

Mit dem Ende der Regierungszeit Heinrichs IV. verlor das Edikt von Nantes immer mehr an Durchsetzungskraft. Als Militärmacht wurden die Protestanten nach und nach ausgeschaltet, wobei als bekanntestes Ereignis die Belagerung von La Rochelle (1627-28) zu nennen ist. Statt die vereinbarten Hilfsgelder zu zahlen, legte die katholische Seite ihren Gegnern immer mehr Beschränkungen auf. Unter Ludwig XIV. wurden die Protestanten dann planmässig verfolgt : Der geringste Vorwand reichte aus, um nach und nach fast alle Gottesdienststätten und Schulen
abzuschaffen. Viele Berufe und Funktionen waren den Protestanten verschlossen, und Schikanen (Dragonaden) gehorten zum Alltag.

1685-1787 DIE AUFHEBUNG DES EDIKTS VON NANTES

Viele der verfolgten Protestanten liessen sich entmutigen, wanderten aus oder gaben dem Zwang, katholisch zu werden, nach. Jedenfalls erfuhr der Protestantismus eine empfindliche Schwächung.

1685 wollte Ludwig XIV. dem Edikt von Nantes den Todesstoss versetzen, indem er es durch das Edikt von Fontainebleau aufhob. Auch die letzten protestantischen Enklaven wurden vereinnahmt ; Gottesdienst und religiöse Unterweisung waren verboten ; die Pastoren mussten innnerhalb von zwei Wochen das Land verlassen, was die anderen Protestanten nicht durften. Trotzdem wanderten viele aus, schätzungsweise 300.000.

Trotz der Verfolgungen (Tod, Galeeren, Gefängnis) schlossen sich wieder Gruppen zusammen, trafen sich heimlich zu Versammlungen (« Kirche der Wüste ») ; einige Wanderprediger zogen umher.

Angeregt und gestützt durch prophetische Bewegungen, leisteten die Protestanten der Cevennen von 1688 bis 1715 bewaffneten Widerstand gegen die Staatsgewalt. Erst ein grosses Truppenaufgebot beendete diesen Krieg der Camisarden.

1787-1905 DAS ENDE DER VERFOLGUNGEN UND DIE ERWECKUNGSBEWEGUNGEN

Ruhigere Zeiten folgten, während derer reformierte Gemeinden sich neu bilden konnten (Antoine Court, 1695-1760). Sogar Nationalsynoden traten zusammen, wenn auch heimlich. 1762 wurde der letzte Pastor gehängt, weil er sein Amt ausgeübt hatte, und die letzten gefangenen Hugenoten erlangten 1775 ihre Freiheit. 1787 bekamen die Protestanten zivile Rechte zugesprochen und 1789 wurde die freie Religionsausübung feierlich verkündet. Seit 1795 und besonders seit 1801 konnten Gottesdienste fast ohne Einschränkung gehalten werden.

Das Konkordat Napoleons von 1801 legte die rechtliche Grundlage für die lutherischen und reformierten Kirchen fest, wobei vor allem der Wille der Obrigkeit, weniger der Wunsch der Kirchen seinen Niederschlag fand, so dass beispielsweise Synoden kaum zusammentreten konnten.

Trotz mancher Einschränkungen war die gewonnene Freiheit so gross, dass sich die Kirchen neu strukturieren konnten. Es bildeten sich Gemeinden mit ihrem Consistorium, und Theologen konnten nun im eigenen Lande ausgebildet werden. 1875 gab es etwa 700.000 Protestanten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es häufig vor, dass die protestantische Predigt zwar wortgewaltig, aber inhaltsleer war. So traten Gruppierungen auf, die der protestantischen Predigt neue Kraft verleihen wollten. Sie waren unterschiedlich, ja gegensätzlich ; vor allem standen sich die Erweckungsbewegung (« orthodox ») und der Liberalismus gegenüber. Dieser Gegensatz prägte den französischen Protestantismus für mehr als ein Jahrhundert, spaltete die Reformierten und den gesamten Protestantismus.

Während dieser Zeit wurden grosse Anstrengungen unternommen, die Bibel zu verbreiten, Evangelisation und Mission zu betreiben. Weiter setzten Protestanten ihre Kräfte zum Aufbau sozialer Einrichtungen ein und waren führend auf vielen Gebieten. So spielten sie eine wichtige Rolle im Unterrichtswesen, besonders, als das staatliche Schulwesen aufgebaut wurde (1881).

Zur Zeit der Dritten Republik konnte eine reformierte und auch eine lutherische Nationalsynode zusammentreten (1872). Auf reformierter Seite entwickelten sich nach und nach zwei Kirchenbünde (orthodox und liberal), die aber nicht beziehungslos nebeneinander existierten.

NACH 1905

Die Protestanten haben die Trennung von Kirche und Staat (1905) bejaht.

Zwar dauerte die Spaltung der Reformierten an, aber der 1907 gegründete Kirchenbund (Fédération Protestante de France) verband nun die einzelnen Zweige des Protestantismus miteinander : Lutheraner, Reformierte, Methodisten, Baptisten. 1910 vereinigte die Zentrale Gesellschaft für Evangelisation (Société Centrale d'Evangélisation) zwei bis dahin getrennte Organisationen. Die seit 1870 bestehende Volksmission entwickelte sich rasch ; seit 1911 versuchte der Pfadfinderbund als erster in Frankreich, die Ideen von Baden-Powell in die Tat umzusetzen.

Neue theologische Richtungen, die es seit den zwanziger Jahren gibt, z. B. die Gedanken von Karl Barth, lassen den Streit zwischen Liberalen und Orthodoxen in den Hintergrund treten. Der Wille zur Einheit zeigt sich überall. Auf internationaler Ebene wird die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen vorbereitet. 1938
entsteht in Lyon die Reformierte Kirche Frankreichs, die nun fast alle Kirchen reformierter und methodistischer Tradition in sich vereinigt.

Der Protestantische Kirchenbund entwickelte sich weiter, beispielsweise durch die Schaffung vieler Werke und Dienste. Vor kurzem beschloss er die Aufnahme von Kirchen evangelikaler Prägung, vor allem der Sinti und Roma. Aber leider liegt eine wirkliche Einheit protestantischer Kirchen noch in weiter Ferne.

Heute [1980] gibt es in Frankreich 800.000 Protestanten, die zum Kirchenbund gehören. Aber nach Auskunft eines staatlichen demoskopischen Institutes stehen etwa 2 Millionen Franzosen dem Protestantismus nahe.

Die Protestanten wohnen verstreut im Lande, aber in einigen Regionen konzentrieren sie sich stäker (Elsass, Franche-Comté, Cevennen, Poitou, wobei die zuletzt genannten ländliche Gegenden sind, die sich entvölkern).

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen des französischen Protestentismus sind gross. Diese Unterschiede äussern sich im Bibelverständnis, in der Einschätzung wirtschaftlicher, sozialer und politischer Fragen und führen zu Spannungen.

Bedingt durch das Zweite Vatikanische Konzil haben die ökumenischen Beziehungen zu einem Wandel auf protestantischer Seite geführt : viele denken jetzt weniger oberflächlich über den Katholizismus (man ist nicht mehr nur Protestant aus antikatholischer Haltung). Immerhin bewirkt die Ökumene, dass sich der Protestantismus die Frage nach seiner Identät und seiner besonderen Aufgabe neu stellt.

LEHREN AUS DER GESCHICHTE

Man sollte diese Frage nicht zu sehr in den Vordergrund stellen ; denn wichtig ist vor allem, wie jeder Christ vor Gott, im Glauben an Jesus Christus, lebt. Das kann die Geschichte nur unvollkommen widerspiegeln, und ein bescheidenes Heft wie dieses kann darüber nicht viel sagen. Trotzdem ist es gut zu wissen : Die Geschichte dieser besonderen Gruppe, die uns das Evangelium vermittelte, ist nicht gleichgültig. Schreiben wir uns also einige Tatsachen ins Gedächtnis : Die franzôsische Reformation bedeutete in ihrer Zeit so etwas wie eine Revolution.

Der französische Protestantismus ist immer eine Minderheit gewesen, auch wenn Teile der Bevölkerung zu ihm gehört haben. Zweieinhalb Jahrhunderte wurden die französischen Protestanten verfolgt, und in den folgenden zwei Jahrhunderten kaum mehr als geduldet. Immer wieder legten sie sich mit den Behörden an - ausser wenn sie ihre Überzeugung guten Gewissens mit dem demokratischen Geist der Gesellschaft vereinbaren konnten.

Immerhin gibt es ein protestantisches Bewusstsein gegenüber Minderheiten und Ausgegrenzten. Abgesehen von diesem soziologischen Merkmal wird man sagen können : Der Protestantismus ist ständig auf der Suche nach einer Autorität, die über den Menschen steht, und siehl sich in besonderer Weise der Botschaft der Bibel verpflichtet.

Olivier PIGEAUD

Ubersetzung :
Horsta KRUM, Hermann-Walter AUGUSTIN, Yo LUDWIG.

ÉGLISE RÉFORMÉE DE FRANCE,
Coordination "Témoigner - Servir"
47, rue de Clichy, F- 75311 Paris Cedex 09
Tél.: +33/ (0)1 48 74 90 92

Page 1 couv. : Yo LUDWIG
Page 3 couv. : photo Claude MALHAUTIER Musée du désert